Heidi

20. Juni 1937     -     21. April 2019


Für Heidi Worte zu finden - keine einfache Aufgabe. Denn sie war so bunt wie das Leben und deshalb gäbe es derer viele. In meinem Buch AVUS100 - Ein rasantes Jahrhundert, habe ich ihre Geschichte skizziert.

Ungebremst Leben


Über dem Schreibtisch ein Metermaß, darauf ein mit schwarzem Filzstift gezogener, dicker Streifen, der bei 81 Zentimetern endet. Es dauert einen Augenblick, doch dann wird klar: Jeder Zentimeter steht für ein Lebensjahr. Auf dem Tisch lose Notizzettel, Visitenkarten, ordentlich aufgestellt im Halter, Bilder von Familie und Autos an der Wand. Das Büro wirkt, als sei es gerade verlassen worden, und die Frau, der es gehört, schaut jeden Augenblick um die Ecke.

 

Der Name auf der Visitenkarte - Heidi Hetzer. Die quirlige Berlinerin kennt irgendwie jeden, und jeder kennt Heidi. Die Grande Dame ist Unternehmerin, Rallyefahrerin, Mutter und hat ein sprichwörtlich bewegtes Leben hinter sich.

 

Im Sommer 1937 fällt der Startschuss. Heidi kommt als zweite Tochter des Fahrzeughändlers Siegfried Hetzer in Berlin zur Welt. Die Liebe zu Fahrzeugen und der Marke Opel wird ihr in die Wiege gelegt: 1919 gründet der Vater den Fahrzeughandel Hetzer für Zweiräder der Marke Victoria; 14 Jahre später stellt Siegfried die Weiche auf Opel um, die Marke, mit der seine Tochter ein Leben lang verbunden sein wird.

Heidi ist klein und umtriebig, ihre drei Jahre ältere Schwester Vicky aber Papas heimlicher Liebling. Vicky sieht umwerfend aus, liebt das Leben nach dem Krieg in der Hauptstadt und kostet es voll aus. Partys, Mopeds, Schickeria, doch im Alter von 29 Jahren verstirbt sie unerwartet. Heidi steht zuerst im Schatten der Schwester und dann in dem des Vaters.

 

Im elterlichen Betrieb erlernt sie 1954 als eine der ersten Frauen überhaupt den Beruf des Kfz-Mechanikers. Sie will begreifen, wie das Auto funktioniert, nicht nur darüber reden können. Doch trotz ihrer Sachkenntnis wird sie stets nur als die Tochter Hetzers gesehen; eine Frau unter der Hebebühne ist wenig akzeptiert. Kurzerhand nimmt das blond gelockte Mädchen ihr Leben selbst in die Hand. Sie zieht aus, bezieht eine winzige Wohnung im Berliner Wedding, arbeitet in einer Zigarettenfabrik und steht endlich auf eigenen Beinen. Als sie aber im Winter friert, hilft der Vater Mitleid erfüllt aus und bringt seiner Tochter einen kleinen Ofen in die kalte Wohnung. Unaufhaltsam verdient sich Heidi eine Mark nach der anderen und gründet mit dem Ersparten eine Autovermietung. Geschäftstüchtig erkennt sie, was Pärchen Anfang der 1960er-Jahre brauchen. Sie vermietet ihre Fahrzeuge stundenweise als kuschlige Zufluchtsorte. Doch Ende 1969 stirbt ihr Vater und hinterlässt das Autohaus in angeschlagenem Zustand. Heidis Herz und die Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern lassen sie kämpfen. Mit ihrer einjährigen Tochter unter dem Arm wird sie das Erbe des Vaters zu einem der bekanntesten Häuser Berlins machen. 

Ihr Motto ist „Siege, wenn du kannst. Verliere, wenn du musst. Kapituliere nie!" 

Und mit frechen Ideen treibt sie ihr Unternehmen voran. Während der Berlin-Wahl 1999 fallen ihr die vielen Wahlplakate in der Stadt auf. Nach dem Wahlabend beschließt sie kurzerhand, diese für sich zu nutzen, und überklebt 1.000 Auf-steller mit dem Slogan „Absolute Mehrheit für Opel Hetzer". Der Coup ist genial, und Hetzer bestimmt am nächsten Morgen das Stadtgespräch. Heidi, wie sie leibt und lebt. Geht nicht, gibt's eben nicht!

 

Aber sie verkauft und repariert nicht nur hervorragend Autos - am Lenkrad fühlt sie sich am wohlsten. Mit 17 startet Heidi mit ihrem Lambretta-Roller bei der Geländefahrt Rund um die Müggelberge. Tapfer absolviert das junge Mädchen zehn Runden in Schlamm und Dreck - für eine Medaille reicht es am Ende aber nicht. Fremde Hände stehend helfend zur Seite, woraufhin sie disqualifiziert wird. Ihr zweites Zuhause - die AVUS. 1956 sieht sie Richard von Frankenberg über die Steilkurve der Rennstrecke fliegen, der Wagen landet dahinter und fängt Feuer. Heidi aber hat nur Augen für den Opel-Vorführwagen des Vaters, der direkt in der Nähe parkt, und rettet ihn vor den Flammen. Stolz erzählt sie ihrem Vater von der Rettungsaktion. Doch der reagiert weit weniger euphorisch: „Hättest du ihn brennen lassen, hätten wir ein Auto mehr verkauft."

Zum AVUS-Rennen 1957 geht sie in einem Goggomobil schließlich selbst an den Start. Mit 85 km/h donnert sie durch die geklinkerte Steilkurve, doch in der Schlussrunde will sie einmal über die weiße Begrenzungslinie hinaus durch die Kurve fahren. Die Hinterräder des dürftig motorisierten Vehikels verlieren die Haftung, der Wagen rutscht ab! Mit Mühe bekommt sie das Fahrzeug eingefangen und erntet anschließend eine Standpauke vom Rennleiter. Auch als der Vater 1966 von ihrem Rennen auf der AVUS im Opel-Diplomat-Vorführwagen aus der Zeitung erfährt, hagelt es eine Moralpredigt - doch von ihrer Leidenschaft kann sie das nicht abbringen.

Selbst, als sie 1978 auf der Rallye Tour d'Europe im Gefängnis landet. Auf dem Weg nach Ankara kollidiert Heidi mit einem anderen Wagen und wird verhaftet. In großen Überschriften greift die heimische Presse das Thema auf.

Während Ehemann Bob und die Kinder Marla und Dylan zu Hause bangen, kann Heidi sich für 165 DM freikaufen. 

Nur eine von vielen Geschichten ihrer zahllosen Abenteuer rund um den Erdball, von der Rallye Monte Carlo über die Düsseldorf - Shanghai bis zur Carrera Panamericana: Der Motorsport lehrt sie das Kämpfen. Sich auf das Ziel zu konzentrieren, sich nicht ablenken zu lassen und pünktlich zu sein sind Tugenden, die sie ihr ganzes Leben begleiten. Als Frau in einer von Männern dominierten Autowelt wird sie stets genau beäugt. Stereotype bringen sie zur Weißglut. In Berlin gründet sie deshalb 1975 den BAFF, den Berliner Automobilclub für Frauen. Heidi gibt Anleitungen zum Radwechsel, erklärt das Einmaleins der Fahrphysik und nimmt manch einer Dame die Angst vorm Fahren. So wird sie unaufgeregt, mit Berliner Herz und Schnauze zum Vorbild vieler Frauen und zeigt auch Männern, was eine Harke ist.


2012 verkauft Heidi Hetzer das 93-jährige Familienunternehmen mit dem blinkenden Trabi an der Stadtautobahn. Doch mit 75 Jahren fühlt sie sich noch lang nicht als altes Eisen. Rasten und rosten ist nicht ihr Ding. Vielmehr treibt es sie auf die Spuren von Clärenore Stinnes, eines ihrer großen Vorbilder. Die Tochter des Großindustriellen ging 1927 mit nur 26 Jahren auf Weltreise - im Auto versteht sich. Heidi ist fasziniert und will es ihrer Vorreiterin gleichtun. Sie besorgt sich mit einem Hudson Greater Eight, den sie liebevoll Hudo nennt, ein 84 Jahre altes Vehikel, das dem Adler-Wagen von Stinnes ähnelt, und bricht im Sommer 2014 zur Weltumrundung auf. Ihre Teilzeitbeifahrer verschleißt sie schneller, als sie das Ventilspiel des Motors nachstellen muss. Im Alter von 77 Jahren wird sie für Jung und Alt, Mann und Frau zum Symbol des Optimismus. Egal was auch kommt, ob Motorschaden oder ein im laufenden Motor verlorener Finger, ob Krebserkrankung oder Diebstahl - es geht immer irgendwie weiter. Wo sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere. Nach fast drei Jahren auf der Straße, steht Heidi Hetzer im März 2017 unter tosendem Beifall der Zuschauer vor dem Brandenburger Tor in Berlin. 

Die Welt hat sie etwas ruhiger gemacht - sie weiß jeden Tag zu schätzen, schreibt ein Buch über die große Fahrt und obwohl sie nicht mehr ganz so rastlos ist, durchquert sie ab Winter 2018 in einem Geländewagen nochmals Afrika. Doch bei einer kurzen Heimkehr im April darauf macht sich Heidi Hetzer leise und unerwartet auf zu einer anderen Fahrt, ihrer letzten großen Reise. 

Sie schmeißt die Tür zu, blickt in den Rückspiegel, winkt zum Abschied und gibt ordentlich Gas, bis sie am Horizont verschwindet - auf dem Maßband über ihrem Schreibtisch die 81 - schwarz markiert.


Aus dem Buch AVUS100 - Ein rasantes Jahrhundert von Ulf Schulz und S. Wedemeyer, erschienen 2021 im Prestel Verlag. Kopie und Verbreitung des Textes untersagt.